ETU Europameisterschaften Half Challenge Barcelona 4. Platz

Ich habe immer gesagt, sowas mache ich nicht. Eine Mitteldistanz. Tja, und nun, bin ich doch eine stolze Half-Challenge-Finisherin.  Warum ich mich angemeldet habe?

Wegen der Radstrecke. Weil sie so bergig ist. Ich dachte, dass ich ja ganz gut Berge fahren kann. Dass es doppelt so anstrengend wird, habe ich dabei nicht bedacht.

Um 7 Uhr war Start. Mit 2000 anderen Mitstreitern stand ich am Strand von Calella und blinzelte in die gerade aufgehende Sonne. "Wo denn die letzte Boje wäre", wurde ich von Maria Czesnik (POL) gefragt. "Die sieht man von hier nicht", antwortete ich, "einfach immer gerade aus am Strand entlang und irgendwann biegen wir dann ab."

Das Meer war mir zu kalt zum Einschwimmen. Aber im Endeffekt nutzte ich die 1,9 km Schwimmstrecke einfach als "Aufwärmen" und sparte mir so jeglichen unnötigen Kalorienverbrauch. Noch nie habe ich soviel gefrühstückt. Reis mit Spiegelei, Brot mit Banane und Ultra Sports Riegel. Meine Nahrungsaufnahme wird mein Rennen bestimmen. Je mehr, desto besser.

Der Start war so relaxt, dass ich erst durch das kalte Wasser aufwachte. Es bildete sich gleich eine Vierergruppe inklusive Maria, Camilla Pedersen (DEN) und mir. Nach einem unspektakulären Schwimmen stieg ich mit Maria zusammen als erste aus dem Wasser. Im Wechselzelt (wow, das erste mal war ich in einem Wechselzelt mit 4000 Wechselbeutel, zwei für jeden Athleten), setzten wir den Helm auf, machten die Startnummer rum und stopften den Neo in den Beutel. Danach ging's zum Rad und los. Nun hatte ich 90 km vor mir. Verrückt!

Ich verfolgte eine Britin, die mit uns aus dem Wasser kam. Camilla war schon nach wenigen Metern unserem Blick entschwunden. Einfach "dranbleiben". Wobei das "dranbleiben" ein 12-m-Abstand bedeutete. Der Radkurs war echt ein Highlight. Über drei Berge, an zwei Naturparks vorbei, durch typische katalanische Örtchen. Mit Zuschauern im Pyjama und Bademantel an der Strecke. Für Spanier, Entschuldigung, Katalanen war der Wettkampf definitiv zu früh!

Anfang des zweiten Berges flog Eva Wutti (AUT) an mir vorbei. Ich kam mir total langsam vor. Danach überholte ich einen Russen. Da ging es mir schon wieder besser. Der zweite Berg war länger und steiler. Meine Beine brannten wie die Hölle. Und ich hatte noch nicht mal die Hälfte. Also ein Stück Riegel in den Mund und nachspülen. Endlich erreichte ich den höchsten Punkt und die 40 km Marke. Normalerweise geht's jetzt auf die Laufstrecke, dachte ich mir noch kurz und verfolgte einen Finnen in der kurvigen Abfahrt. Und überholte ihn. Meine "Fernweg" Lightweight Laufräder machten ihre Arbeit perfekt. In der aerodynamischsten Position, im dicksten Gang und dem Wind um die Ohren kam ein richtiges Glücksgefühl auf. Ich fand mich echt schnell! Zumindest hatte ich das beste Material. Als es den letzten Berg hoch ging, kamen wieder die Schmerzen und die Erkenntnis, das ich zwar nun bald wieder in Calella bin, aber den zweiten Halbmarathon meines Lebens vor mir habe. Sofort drückte ich mir den Inhalt meines letzten Gels in den Mund. Mit Koffein. Jetzt darf ich ja nicht nachlassen.

Wie cool war doch der Überraschungsschrei meiner Betreuerin Lisa, als ich nur kurz hinter meiner Konkurrenz als Fünfte an ihr vorbei fuhr. Ha! Da war ich mal stolz auf mich. Also, das Radeln habe ich überlebt, nun ging's auf die Laufstrecke!

Wie gut, dass man sich direkt nach dem Absteigen auf sein Rad stützen kann. Schmerz lass nach! Und jetzt soll ich 21 km laufen? Oh oh. Also erstmal Rad abstellen, wieder zum Wechselzelt, Schuhe (und Socken) an, Helm in den Beutel und los. Nicht zu schnell anlaufen, hatte man mir geraten. Aber was ist zu schnell, was ist zu langsam? Leider lies ein brennender Schmerz in meinen unteren Schienbeinen nicht nach. Ist das normal? Tut das jedem so weh? Himmel, das halte ich keine 21 km aus! Außerdem musste ich mal auf die Toilette. Seit 2 Stunden schon ungefähr. Was ein Dilemma. Nach ca. 5 km traf ich dann die Entscheidung kurz anzuhalten und meine Füße zu lockern. Aufs Klo zu gehen war mir zu peinlich, das macht doch kein Profi. Aber die 10 Sekunden Pause taten echt gut. Nach einem weiteren Kilometer waren die Schmerzen weg. Das muss tatsächlich von der ungewohnten Sitzposition gekommen sein, weil meine Asics DS Racer waren eine gute Wahl. Leicht und trotzdem mit ausreichender Dämpfung.

So "trottete" ich also mit einem 4'er Schnitt vor mich hin. Schneller konnte ich nicht, und langsamer zum Glück auch nicht. Da der Kurs sehr verwinkelt war, teilweise mit Sandboden, wurde es mir aber nicht langweilig. Zudem waren nun schon viele der Jedermänner auf der Strecke, zwischen denen ich mich durchschlängelte. Es war jedenfalls sehr angenehm nicht alleine zu sein.

Bei Kilometer 17 blinkte das erste Mal meine Tank...äh, Energie-Lampe. Gut, weit war es ja nicht mehr. Bei Kilometer 18 stand Kollege Pedro an der Strecke und zeigte auf eine total fertige Eva Wutti 10 m vor mir. "Das ist Platz 4! Vamos Ricky!" Wie, was? Ich checkte erstmal gar nichts. Das ist ja krass. Ich hatte mich schon total mit dem fünften Platz angefreundet. Ich riss mich nochmal zusammen, lief an ihr vorbei und wankte tatsächlich als Vierte ins Ziel.

Ahhhhh, endlich konnte ich mich hinsetzen. Oh Mann, war ich fertig. Total leer. Echt verrückt, was sich Menschen so antun. Und doch kapierte ich es in genau diesem Moment warum. Obwohl mein erster Gedanke war, dass ich sowas nie wieder machen werde, war ich stolz auf mich, dass ich es geschafft habe, dass ich überhaupt in der Lage bin, so eine Herausforderung zu bewältigen. Und so geht es wohl jedem. Das Triathlon-Syndrom machte sich bemerkbar. Auf Facebook kommentierte Pascal "Morgen schaust du dann bestimmt wo du die nächste (Mitteldistanz) machen kannst " Ob er Recht hat??? :-)

Zum Schluß ein riesen Dank an meine Betreuerin Lisa (Power, Ricky!!!) und natürlich an meine Sponsoren Stevens, Asics, Lightweight, Ultra Sports, Sailfish, Haero Carbon und Sanitätshaus Gunser. Mit dem Beste vom Bestem geht doch alles total Easy!

 

Ergebnisse